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135 Jahre Radsport im Bezirk Nassau

ständiger Sitz des Bezirkes in Wiesbaden

 

Die industrielle und technische Entwicklung zum Ende des 19ten Jahrhunderts erfasste auch Wiesbaden und das angrenzende Nassauer-Land. Der badische Forstmeister und Prof. der Mechanik Carl v. Drais erfand 1817 das Laufrad, aus dem sich im Laufe von ca. 5 Jahrzehnten das Hochrad entwickelte.

 

In Wiesbaden sah man diese Vehikel um 1870 zum ersten mal (ein Originalrad aus dieser Zeit befindet sich im Besitz der Bierstädter Familie Seib). Man nannte diese Hochräder „Bycicle“ wurden doch die ersten dieser Art in England hergestellt. Wobei der gemeine Wiesbadener diese Dinger als „Knocheschitteler“ bezeichnete. In Frankreich wurde ebenfalls mit der Herstellung dieser Hochräder begonnen die den Namen „ Velociped“ bekamen. Die Beschaffung eines solchen Vehikels konnte mit bis zu 1000 Goldmark zu Buche schlagen, und somit war diese neue Art der Fortbewegung nur den höheren Ständen der Bevölkerung vorbehalten.

 

In München, Frankfurt, Hannover und im Besonderen in Magdeburg, der späteren Hochburg des „Bicycle-Sportes“, bildeten sich die ersten „Veliciped-Reitervereine“. Versuche in Wiesbaden einen Club zu gründen schlugen ob der strengen Verkehrsvorschriften der neuen „Weltkurstadt“ fehl. Der Überlieferung nach, gab es wie zu allen Zeiten auch damals einen sehr eifrigen Gendamarie-Kommisar Fischer der in den Velocipedisten sein Hobby fand, und ihnen nachstellte.

 

1882 war die Zahl der „Hochradfahrer“ in Wiesbadener und Umgebung auf eine beachtliche Zahl von mehr als 50 angewachsen, und es wurden von den Herren von Knoop, Henkel, Dr. Lucht und Direktor Braid zur Gründung eines Radfahrvereines eingeladen. Bei dieser Veranstaltung entstand dann der„Wiesbadener Radfahr Verein 1882“.

 

Die Grundlage für den Wiesbadener Radsport war geschaffen, und bis zum heutigen Tage haben Wiesbadener Radsportler Regional, Deutschlandweit und International als Botschafter ihrer Heimat siegreich bestanden.
Dem Beispiel Wiesbadens folgten nun auch Radsportfreunde aus Idstein und Limburg. Noch im Gründungsjahr bestritt man eine Wettfahrt, von Wiesbaden nach Langenschwalbach und zurück. Herr Hoess ging als erster Sieger in die Analen ein.
Bevor er einen Fischladen in der Mühlgasse betrieb, konnte er sich noch in vielen Siegeslisten im damaligen Deutschen Reichsgebiet eintragen.
Mit Beginn der 90ziger Jahre (1890) zogen die Wolken von Wiesbadens Radsporthimmel. Der damalige Oberbürgermeister Ibell und sein Kurdirektor Ferdinand Heil fanden gefallen an den jungen Radsportlern mit ihren Vehikeln. Unter der Obhut dieser weitsichtigen Stadtväter wurden Wettbewerbe auf Wegen der Kuranlagen ausgefahren. Die Fahrer waren wie Jockeys gekleidet und fuhren um Sieg und Platz. Dieses muss den internationalen Kurgästen so gut gefallen haben, wurden doch in kurzer Folge immer mehr Rennen veranstaltet.

 

Die Entwicklung ging weiter und das Niederrad löste das Hochrad ab. Man fand zur Urform des Fahrrades mit dem Heute noch aktuellen Diamantrahmen. Allmählich kam es zu sinnvollen Innovationen, Pneus (Luftreifen) waren der erste Fortschritt. Der Antrieb war noch starr, gegenüber des heutigen Freilaufs musste man immer mit treten. Der Bann war gebrochen, überall entstanden Werkstätten die Fahrräder bauten, trotz kleiner Stückzahlen waren diese Räder erschwinglicher als Hochräder und die Zahl der Fahrradbesitzer wurde größer. Das Fahrrad war für damalige Verhältnisse ein schnelles Verkehrsmittel, und ebenso interessantes Sportgerät.

 

Radsportliche Betätigungen waren Korsofahren, Radwandern und Radrennen. In Verbindung mit der Kurverwaltung wurden mit blumengeschmückten Rädern Korsofahrten für Wiesbadens internationalen Kurgästen durchgeführt. Da die neuen Niederräder zu schnell waren, gingen die Rennveranstaltungen in den Kuranlagen zu Ende.

 

Stadt- und Kurverwaltung zeigten sich ihren Radsportlern verbunden, und unterstützte diese mit einem Grundstück im Distrikt Blumenwiese. Auf diesem Grundstück wurde dann gemeinsam mit der Stadt eine Radrennbahn gebaut. Es wurde auf dieser Rennbahn eifrig Trainiert.
Die ersten Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. So gaben der Frankfurter August Lehr erster Weltmeister auf Hoch- und Niederrad und andere namhafte Größen wie den fünf Brüder Opel aus Rüsselsheimein stetiges Stelldichein auf der Wiesbadener Radrennbahn. Im Sog dieser Könner entwickelte sich Paul Albert, Sohn des Biebricher Industrieellen Dr. Kurt Albert zu einem Hoffnungsvollem Rennfahrer. 1898 konnte Paul Albert den Weltmeistertitel beim Fliegerrennen über 1000 Meter erringen. Dieser Wettbewerb, jetzt 1000 Meter Zeitfahren zählt zu den ältesten olympischen Disziplinen.

 

Der Rennsport wurde durch leichtere Räder und anderen Verbesserungen an den Rädern schneller. Mit nur 1,50m Kurvenerhöhung war auf der Wiesbadner Rennbahn kein Staat mehr zu machen, sie hatte ausgedient. Der Zementbelag wurde abgetragen, die Bahn wurde eingeebnet und auf dem Gelände wurde Gras eingesät. Wiesbaden hatte nun einen Tennisplatz.

 

Mit dem Aufkommen des Automobils zogen auch Gönner und Förderer, (die heutigen Sponsoren) zu den neuen Ufern und der Radsport verzeichnete seine erste Talfahrt.

 

Während es in Wiesbaden ruhig um den Radsport wurde, schossen im Nassauer Land und in Wiesbadens Vororte die Radfahrvereine wie Pilze aus dem Boden. In Erbenheim bildete sich der RC 1894, Schierstein RV 1898, Bierstadt RC 1900, RV Hochheim 1899, RC Nassovia Frauenstein 1900. Erst 1904 mit dem Radfahrverein 1904 und drei Jahre später mit dem RC 07 Wiesbaden folgten dann wieder zwei Innenstadtvereine den Vorstädtern.

 

Radsport wurde zum Volkssport und wird es auch in der heutigen zeit bleiben.

 

Der Radrennsport wird heute von der RSC Wiesbaden , dem RV 1899 Hochheim, dem RSV Idstein, der RV Nassovia Limburg und dem RC 1900 Bierstadt betrieben.
Alle Anderen betreiben neben dem Wanderfahren ausschließlich Hallenradsport (Kunstfahren, Radpolo und Radball)
Zur Zeit befinden sich im Bezirk Nassau 32 Vereine, die im Anschluss an diesem Bericht aufgeführt werden.

 

Die alten Traditionsvereine mit zum Teil über 100jährigem Bestehen sind außer dem RV 1899 Hochheim allesamt Hallenradsportler. Dieses ist eventuell damit zu erklären, dass der Hallenradsport eine sogenannte Randsportart ist in der Geld und andere Verführungen keine übergeordnete Rolle spielen. Als lupenreiner Amateur bleibt man sich selbst treu und wahrt Traditionen.

 

Um einen Sportbetrieb zu gewährleisten, bedurfte es von Anfang an Organisatoren. Wiesbadener Radsportdelligierte reisten 1884 nach Leipzig um dort mit Radsportfreunden aus dem gesamten Land, den „Deutschen Radfahrer Bund“ zu gründen. 1920 kam es zur Vereinigung mit der parallel entstandenen „Radfahrer Union“ aus dieser Vereinigung ging dann der bis zum heutigen Tage bestehende „Bund Deutscher Radfahrer“ hervor. Die Wiesbadener Radsportler waren im Gau 9,der seinen Sitz in Frankfurt/Main hatte organisiert. Nach dem ersten Weltkrieg fand 1923 in Frankfurt/M. wieder ein Bundesfest statt. Die Wiesbadener Radsportler und ihre Radsportfreunde aus dem Nassauer Umland nannten sich von nun an „die Nassauer“. Selbstverständlich wollte man bei diesem Bundesfest mit einer Abordnung teilnehmen. Jedoch war unser Gebiet noch im besetzten Teil des Landes. Eine freie Ausreise in die unbesetzte Mainmetropole war nicht möglich. Es ist Überliefert, dass man mit der Hilfe von Höchster Sportkameraden mit Ruderboote den Main überquerte und mit Fahnen und Bannern am großem Festzug teilnahm.

 

Nach der Heimkehr von dieser beachtlichen Veranstaltung trafen sich die Wortführer der Wiesbadener Radsportvereine. Gustav Sattler vom Schiersteiner RV 1898 setzte sich bei der darauffolgenden BDR Sitzung zwecks Neugliederung der Gaue ein. Die von den Wiesbadener Radsportler vorgebrachte Argumentation muss wohl stichhaltig und schlüssig gewesen sein. Es entstand somit der neue Gau 69 aus welchem der heutige Radsportbezirk Nassau hervorgegangen ist.

 

Gustav Sattler war der erste Bezirksvorsitzende, 1926 legte er aus Altersgründen sein Ehrenamt nieder. Der Radsport muss wohl besonders Gesundheitsförderlich sein, Gustav Sattler starb wenige Tage vor seinem 100sten Geburtstag.

 

Seine Nachfolger waren, Ernst Kuhn, Adolf Haybach, Willi Diefenbach, Karl Nass, Arthur Seib, Walter Zollmann und bis 2008 Karl Herborn aus Frauenstein. Zur Zeit ist der Vorsitzende des Bezirk Nassau, Johann Ratay vom RSV – Kostheim.

 

Erstaunlich ist, dass in den 77 Jahren der alleinigen Selbstständigkeit des Bezirkes Nassau bis 2008 nur 8 Vorsitzende im Amt waren. Dieses bestätigt auch den Sportkameradschaftlichen Umgang der Nassauer Radsportler untereinander.
Nicht unerwähnt sollten die Sportkameraden Arthur Seib vom RC 1900 Bierstadt und Karl Herborn von der Nassovia Frauenstein sein. Mit den längsten Amtszeiten Seib 20 Jahre und Herborn 28 Jahre haben diese Herren maßgeblichen Anteil an den Erfolgen der Wiesbadener Radsportszene.

 

Bei diesem Rückblick darf man auf keinen Fall die gutdeutsche Vereinsmeierei nicht vergessen. Neben dem großen Bund Deutscher Radfahrer bildeten sich auch andere kleinere Verbände. Darunter befanden sich sowohl konfessionelle als auch sozialpolitische Gruppierungen. Im Nassauer Land gab es den Hess.- Nassauischen Verband, einen Hessischen Verband und den Radsport Bund Taunus – Westerwald.

 

Am 2. Oktober 1933 hatte dies ein Ende. Im lokal Wartburg in Wiesbaden wurde die Gleichschaltung von den neuen Machthabern durchgesetzt. Es entstand der Bezirk Wiesbaden im Kreis Frankfurt des DRV: Dieser wurde dann nach den Olympischen Sommerspielen 1936 aufgelöst, und als Fachverband dem Reichsbund für Leibesübungen angegliedert.

 

Heute sind die Radsportler des gesamten Nassauer Landes im Radsportbezirk Nassau mit sitz in Wiesbaden geeint. Nicht zu vergessen sind die Vereine des ARKB Solidarität die sich um 1900 organisierten. Sie blieben nach der Wiedergründung 1948 selbstständig. Eine Vielzahl von Ortsgruppen der Solidarität trat nach und nach zum BDR über, und unser Bezirk konnte sich über hervorragende Leistungen die diese Vereine mit ihren Sportlern erbrachten glücklich schätzen. Der RV Breckenheim im Einradfahren und die Kostheimer Radballer vom RSV 1904 Kostheim lieferten Jahr um Jahr Deutsche Meistertitel wie am Fließband ab.

 

Radsportler aus unserem Bezirk Nassau bestritten hervorragende Wettkämpfe regional, Deutschlandweit, bei Europameisterschaften und Weltmeisterschaften kehrten sie mit Stolz als Sieger, Medaillengewinner und hervorragend platziert zurück.
Die Erfolge unserer Sportler sind unter Impressionen zu finden.

 

So erfolgreich unsere Sportler sich Auswärts bewiesen, konnten die heimischen Vereine auch mit der Ausrichtung großer Wettbewerbe glänzen. Die RSG Wiesbaden, zu unser Aller Bedauern löste sich dieser Verein im Jahre 2000 auf, richtete alljährlich ein Radbundesligarennen aus. Cheforganisator Franz Reitz, hatte den größten Anteil, das 2 Deutsche Meisterschaften Amateure, Wiesbaden Etappenort der Tour de France wurde, auch für die vielen Tage an denen die Deutschlandtour in Wiesbaden war ist ihm und seinen Kameraden von der RSG Wiesbaden zu verdanken. Die Bundeshauptversammlung wurde im Kurhaus Wiesbaden abgehalten. Der RC 1900 Bierstadt richtete 1965 mit befreundenden Bezirksvereinen die Deutsche Meisterschaft Hallenradsport aus. Jahre später 1986 einen Radländerkampf Hallenradsport BRD – CSSR Elite und 2000 BRD – Schweiz bei den Junioren aus. Der RC Delkenheim vollbrachte das Highlight mit der Ausrichtung der Hallenradsportweltmeisterschaft 1982 in der Rhein Main Halle in Wiesbaden. Die Wanderlust Naurod richtete Deutsche Meisterschaften im 5er Radball mustergültig aus, der RSV Breckenheim war nicht nur Ausrichter von Deutschem Einradpokal, er konnte auch mit 2 Länderkämpfen Hallenradsport Elite BRD-CSSR und BRD-Schweiz aufwarten. Viele Wettbewerbe ,internationale Turniere, Deutschlandpokale im Radball, Polo und Kunstfahren reihen sich wie eine Perlenschnur aneinander und die Nassauer Vereine zeigten sich immer als hervorragende Gastgeber und Botschafter ihrer Heimatstadt Wiesbaden.

 

Mit Niko Krühner begann ab 1980 im starken Maße der Breitensport im Bezirk Nassau Fuß zu fassen. Radtouristik war das Zauberwort. Als erster Fachwart Radtouristik im Bezirk Nassau missionierte er den auf vorwiegend Rennrädern ausgeübten Breitensport. Diese neue Art für Freizeitbewusste Hobbyfahrer bescherte den Vereinen neue Mitglieder und gewinnbringende Veranstaltungen.

 

Da unser Radsport ewig jung bleibt erkennt man auch an den immer neu dazukommenden Sportarten. Als die Anzahl der Radtouristiker altersbedingt einen Abwärtstrend verzeichnete, standen auf einmal die MTB-Kids auf der Offroad-Matte. Dank inovatiefer Vereine fasste der MTB Sport Fuß . Mittlerweile hat der Bezirk Nassau eine eigene Nachwuchsserie und führt mit rühriger Pionierarbeit Nachwuchsfahrer dem Wettbewerbssport zu. Besonders verdient machen sich hierbei der Schulsportverein Wiesbaden und der RC1900 Bierstadt.

 

Es geht aber weiter mit dem Radsport. Wir haben uns das Motto gegeben.
Vergangenes bewahren - Neues erstreben“
Und somit liegt es an uns Allen, aufgeschlossen neuen Sportarten gegenüber zu stehen. BMX, Trial und auch das eine Renaissance erlebende Einradfahren werden uns in naher Zukunft Mitglieder und junge Sportler bescheren, sofern wir dies nur wollen.

 

Diese Schilderung der vergangenen 125 Jahre nassauische Radsportgeschichte rund um Wiesbaden, ist nur eine kleine Abhandlung des Geschehenen und Erlebten. Durch Terminschwierigkeiten 2007, mussten wir mit dem Begehen der Gedenkfeier auf das Jahr 2008 ausgewichen werden.